An dem Tag, an dem ich beim Freundschaftsspiel der E-Jugend zweimal das falsche Tor traf, beschlossen meine Eltern, dass sie ein zweites Kind wollten. Am besten einen zweiten Sohn, fand Papa. Ich konnte mir schon denken, warum. Weil ich so megaschlecht Fußball spiele und außerdem noch mies in Mathe bin. Fußball ist wichtig, findet Papa. Er hat früher auch im Verein gespielt und war ein toller Stürmer. Nur eine Sache ist für ihn noch wichtiger als Fußball, und zwar Mathe. "Wer nicht gut Mathe kann, der bringt's nicht weit im Leben", sagt er immer. Papa war in Mathe natürlich hervorragend. Deswegen ist er auch so weit gekommen und wurde Bankmanager und hat genug Geld verdient, um sich ein Haus zu kaufen.
Nach dem total verpatzten Spiel ging ich in mein Zimmer, pfefferte die Sporttasche in die Ecke und setzte mich vor Opa Gerts uralten Kassettenrekorder, um die Berichtigung von Schneewittchen aufzunehmen. Sie handelt davon, wie die arme böse Königin, die am Ende in glühenden Pantoffeln tanzen muss, ins Krankenhaus kommt und dort die Füße verbunden kriegt. Ich kann ja verstehen, dass eine böse Königin fürs Bösesein bestraft wird. Aber glühende Pantoffeln finde ich nicht okay. Mit vier hatte ich mir die Hand mit heißem Tee verbrannt, deswegen tat mir die böse Königin echt leid.
"Die Königin bekam Krücken", sprach ich in das Mikrofon von Opa Gerts Rekorder. "Und dicke Eiswürfel-Verbände um die Füße. Und Schneewittchen schickte Blumen und wünschte gute Besserung."
Genau in dem Moment ging die Tür auf und Papa kam herein. Ich dachte mir gleich, dass es um eine ernste Sache ging - nämlich darum, wie man so blöd sein kann, zweimal hintereinander das falsche Tor zu treffen!
Aber ich irrte mich.
"Anton", sagte Papa. "Wie viel ist drei mal neun?"
Anscheinend hatte meine Klassenlehrerin Frau Gerner angerufen und erzählt, dass ich die Zahlen im Kopf dauernd durcheinanderkriege.
"Sechsundzwanzig", antwortete ich.
"Du sollst nicht raten!", schimpfte Papa. "Denk gefälligst nach!"
Ich dachte nach.
"Achtundzwanzig?"
Papa stöhnte. "Anton", sagte er. "Wer von Mathe keine Ahnung hat, der bringt's nicht weit im Leben! Du musst dir mit dem Einmaleins mehr Mühe geben. Ich war immer gut in Mathe! Das ist wichtig, hörst du? Sonst bekommst du später keine gute Arbeit und musst zur Müllabfuhr!"
"Ist Müllabfuhr was Schlimmes?"
Papa stöhnte noch mal.
"Findest du eigentlich, dass jemand zur Strafe glühende Pantoffeln anziehen soll?", fragte ich.
"Ich würde mir wirklich wünschen, dass du über das Einmaleins nachdenkst statt über solchen Unsinn!", schimpfte Papa. "Oder darüber, wie man so blöd sein kann, hintereinander zwei Eigentore zu schießen!"
"Ab heute gehe ich nicht mehr zum Training", sagte ich. "Ich erkläre meinen Rücktritt."
Als wir wenig später alle zusammen am Abendbrottisch saßen, holte Mama tief Luft und fragte:
"Anton, was würdest du sagen, wenn wir ein zweites Kind bekämen?"
"Wohnt er dann bei mir im Zimmer?"
Mama stutzte. "Er? Wieso denn er?"
Ich hatte mir immer schon einen Bruder gewünscht.